7. MEDIZIN IM 19. JAHRHUNDERT
Im 19. Jahrhundert führten zahlreiche Entdeckungen zu großen Fortschritten
in der Diagnose und Therapie von Krankheiten sowie in den chirurgischen
Methoden. Die Diagnose von Lungenkrankheiten hatte sich schon im
18. Jahrhundert durch die Methode des Abklopfens verbessert, die der österreichische
Arzt Leopold Auenbrugger von Auenbrugg 1761 erstmals beschrieb. Seine Arbeiten
blieben aber bis 1808 unbeachtet. Dann erschienen sie in einer französischen
Übersetzung, die Napoleons Leibarzt verfasst hatte. Ungefähr um 1819 erfand der
französische Arzt René Théophile Hyacinthe Laënnec das Stethoskop, das bis
heute meistbenutzte Einzelinstrument der Ärzte. Mehrere hervorragende britische
Mediziner entwickelten die neuen Methoden zur Diagnose von Krankheiten weiter:
Mit ihren Namen werden bis heute häufig diagnostizierte Krankheiten bezeichnet.
So entdeckte Thomas Addison eine Störung der Nebennieren, die heute als
Addison-Krankheit bekannt ist. Richard Bright diagnostizierte die Nephritis,
die manchmal auch Bright-Krankheit genannt wird. Thomas Hodgkin beschrieb eine
bösartige Erkrankung des lymphatischen Gewebes, die Hodgkin-Krankheit. Der
Chirurg und Paläontologe James Parkinson erkannte die chronische
Nervenkrankheit, die man heute Parkinson-Krankheit nennt. Und der irische Arzt
Robert James Graves sowie der deutsche Mediziner Karl von Basedow
diagnostizierten eine Schilddrüsenkrankheit mit hervortretenden Augen und
Kropf, die Basedow- oder Graves-Krankheit heißt.
7.1. Entdeckungen in Europa Die Medizin hat den deutschen Universitäten viel zu verdanken, denn dort räumte man durch neue wissenschaftliche Entdeckungen endgültig mit der alten Vorstellung von den Körpersäften auf. Von grundlegender Bedeutung war z. B. die Zelltheorie des deutschen Botanikers Matthias Jakob Schleiden, welche die individuelle Entwicklung der Lebewesen (siehe Embryologie) erklärte und den Weg für die mikroskopische Untersuchung erkrankten Gewebes ebnete. Der deutsche Anatom und Physiologe Theodor Schwann wandte Schleidens Theorie später auf die Evolution der Tiere an. Die Arbeiten des französischen Anatomen und Physiologen Marie François Xavier Bichat zur systematischen Untersuchung menschlichen Gewebes waren ein Grundstein für die Wissenschaft der Histologie. Der österreichische Pathologe und Arzt Baron Karl von Rokitansky nahm über 30 000 Obduktionen vor und entdeckte als erster, dass Endokarditis von Bakterien hervorgerufen wird. Weitere wichtige Pioniere der mikroskopischen Pathologie waren u. a. Schwann, der deutsche Physiologe und Neurologe Robert Remak, der tschechische Physiologe Johannes Evangelista Purkinje, der Schweizer Anatom und Physiologe Rudolf Albert von Kolliker sowie der deutsche Pathologe und Anatom Friedrich Gustav Jacob Henle. Ebenfalls in Deutschland machte der estnische Biologe Karl Ernst von Baer seine bahnbrechenden embryologischen Experimente, bei denen er die menschliche Eizelle entdeckte. Und der deutsche Physiologe Peter Müller entwickelte die Vorstellung von der spezifischen Energie der Nerven. Den Höhepunkt in dieser außergewöhnlichen Reihe von Entdeckungen bildeten die Arbeiten des deutschen Pathologen Rudolf Virchow. Seine Lehre, wonach die Zelle der Ort der Erkrankung ist, bildet bis heute einen Kernpunkt der medizinischen Wissenschaft.
7.2. Darwin, Pasteur und Koch Die von Darwin formulierte Evolutionstheorie belebte das Interesse an vergleichender Anatomie und Physiologie. Ähnlich wirkten sich die Pflanzenkreuzungsexperimente des österreichischen Mönches Gregor Johann Mendel auf die Wissenschaftsgebiete der Humangenetik und Vererbungslehre aus.
Die ersten Untersuchungen des französischen Chemikers und Mikrobiologen Louis Pasteur zur Gärung führten dazu, dass man die Vorstellung von der Spontanzeugung endgültig fallen lassen musste. Außerdem erwachte nun wieder das Interesse an der Theorie, dass Krankheiten von bestimmten übertragbaren Erregern hervorgerufen werden könnten. Von besonderer Bedeutung für die Entwicklung dieser Keimtheorie waren die bahnbrechenden Arbeiten des amerikanischen Arztes und Autors Oliver Wendell Holmes, der sich mit dem Kindbettfieber beschäftigte. Mit derselben Krankheit befasste sich auch der ungarische Geburtshelfer Ignaz Philipp Semmelweis. Er konnte zeigen, dass die hohe Sterblichkeit von Frauen nach der Entbindung auf infektiöse Erreger zurückzuführen war, die durch die ungewaschenen Hände der Ärzte übertragen wurden.
Pasteur und der deutsche Arzt und Bakteriologe Robert Koch gelten als gleichermaßen bedeutsame Begründer der Bakteriologie. Die Entwicklung dieses Gebiets war nach allgemeiner Ansicht der größte Einzelfortschritt in der Geschichte der Medizin. Innerhalb weniger Jahrzehnte isolierte man die Erreger vieler uralter Geißeln der Menschheit, so von Milzbrand, Diphtherie, Tuberkulose, Lepra und Pest. Weitere Erkenntnisse lieferte der deutsche Physiologe Emil Heinrich du Bois-Reymond durch seine Untersuchungen des Stoffwechsels und der Physiologie von Muskeln und Nerven.
7.3. Bakteriologie und Chirurgie
Zu den ersten Bakteriologen gehörten auch der deutsche Physiologe Edwin Theodor
Albrecht Klebs, der deutsche Bakteriologe August Johannes Löffler und der
norwegische Arzt Gerhard Henrik Hansen. Klebs entdeckte das Diphtheriebakterium
und erforschte die Bakteriologie von Milzbrand und Malaria; außerdem erzeugte
er bei Rindern Tuberkulose sowie bei Affen Syphilis. Löffler isolierte den
Erreger der Gonorrhö, und Hansen entdeckte die Leprabakterien. Der deutsche
Frauenarzt Karl Sigismund Franz Credé entwickelte eine Methode, bei der man in
die Augen des Neugeborenen einige Tropfen einer Silbernitratlösung träufelte,
um die durch Gonorrhö hervorgerufene Augenentzündung zu verhüten. Mit Pasteurs
Methode der Immunisierung durch Injizieren abgeschwächter Viren gelang die
Behandlung der Tollwut, und der deutsche Bakteriologe Emil Adolph von Behring
entwickelte Immunseren gegen Diphtherie und Tetanus. Der russische Bakteriologe
Élie Metchnikoff konnte als Erster zeigen, dass es phagocytierende weiße
Blutzellen gibt, die mit einem Vorgang namens Phagocytose Bakterien zerstören.
Die Keimtheorie war von großem Nutzen für die Chirurgie. Der britische Chirurg
und Biologe Joseph Lister führte das Phenol (damals Karbolsäure genannt) als
Antiseptikum ein und konnte damit die Sterblichkeit durch Wundinfektionen stark
vermindern. Listers Nachweis, dass Bakterien durch die Luft übertragen werden
können, führte später zu der Erkenntnis, dass sie auch an Händen und
Instrumenten haften. Diese desinfizierte man nun, und damit begann das
Zeitalter der keimfreien Chirurgie. Ein weiterer großer Fortschritt der
Chirurgie war die Einführung der Narkose.
7.4. Physiologie
Mit den Fortschritten der Physik und Chemie kam auch die Wissenschaft der
Physiologie im 19. Jahrhundert stark voran. Zu den herausragenden
Physiologen dieser Zeit gehören der deutsche Chemiker Justus von Liebig, der in
der organischen Chemie neue Analysemethoden entwickelte und sich mit
Lebensmittelchemie und Stoffwechsel beschäftigte, sowie der deutsche Physiker
und Physiologe Hermann Ludwig Ferdinand von Helmholtz. Letzterer erfand den
Augenspiegel und das Ophthalmometer, untersuchte die Geschwindigkeit der
Nervenimpulse und Reflexe und führte entscheidende Forschungen in Optik und
Akustik durch. Der französische Physiologe Claude Bernard, der als Begründer
der experimentellen Medizin gilt, machte wichtige Entdeckungen zur Funktion von
Bauchspeicheldrüse, Leber und sympathischem Nervensystem. Bernards Arbeiten
über die Zusammenhänge zwischen Verdauung und vasomotorischem System, das die
Erweiterung und Verengung der Blutgefäße steuert, wurden von dem russischen
Physiologen Ivan Petrovich Pavlov weiterentwickelt. Von Pavlov stammt auch die
Theorie vom bedingten Reflex, die zur Grundlage des Behaviorismus wurde.
Weitere Physiologen des 19. Jahrhunderts waren u. a. der französisch-amerikanische Arzt und Physiologe Charles Édouard Brown-Séquard, der die Tätigkeit der verschiedenen Drüsen im endokrinen System untersuchte, und Carl Friedrich Wilhelm Ludwig, ein deutscher Physiologe, der mit neuartigen Funktionsuntersuchungen die Herz- und Nierentätigkeit erforschte. Der spanische Histologe Santiago Ramón y Cajal lieferte neue Erkenntnisse über Struktur und Funktion des Nervensystems.
Ein anderes wertvolles Diagnosemittel waren die Röntgenstrahlen, die der
deutsche Physiker Wilhelm Conrad Röntgen durch Zufall entdeckte. Der dänische
Arzt Niels Ryberg Finsen entwickelte eine Ultraviolettlampe (siehe
Ultraviolettstrahlung), mit der sich bessere Prognosen für Hauttuberkulose und
andere Hautkrankheiten stellen ließen. Nachdem das französische Physikerehepaar
Pierre und Marie Curie das Radium entdeckt hatte, boten sich neue Möglichkeiten
für die Behandlung mancher Formen von Krebs.
1803 beschrieb der amerikanische Biologe John Richardson Young die Säureproduktion bei der Verdauung im Magen. Dreißig Jahre später veröffentlichte der amerikanische Chirurg William Beaumont seine außergewöhnlichen Untersuchungen über die Magensäfte und die Physiologie der Verdauung; dazu hatte er einen Patienten beobachtet, der an einer Magenfistel litt. Auf dem Gebiet der Gynäkologie leisteten der amerikanische Chirurg Ephraim McDowell und der Gynäkologe James Marion Sims Bedeutendes: McDowell entfernte erstmals operativ einen Eierstocktumor, und Sims rettete unzähligen Frauen das Leben, weil er die Vesikovaginalfistel (eine Öffnung zwischen Harnblase und Scheide) chirurgisch korrigierte; diesen Eingriff nahm er 1845 zum ersten Mal vor.
Im Jahr 1900 griff Walter Reed, ein Chirurg und Bakteriologe der US-Armee, zusammen mit seinen Kollegen einen Vorschlag des kubanischen Biologen Carlos Juan Finlay auf: Sie zeigten, dass Mücken Gelbfieber übertragen. Nur wenige Jahre zuvor hatte der britische Arzt Ronald Ross die Bedeutung der Mücken als Überträger des Malariaparasiten nachgewiesen.
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