5. MEDIZIN IN DER RENAISSANCE
In der Renaissance gab es keine plötzliche Veränderung im medizinischen Denken,
aber die Kritik an Galen und der arabischen Schule nahm zu. Auch wurde die
Lehre des Hippokrates wieder entdeckt. Die Künstler dieser Zeit beschäftigten
sich mit der Anatomie des Menschen, insbesondere mit den Muskeln, um den
menschlichen Körper naturgetreuer darstellen zu können. Leonardo da Vinci
fertigte bemerkenswert genaue anatomische Zeichnungen an, die sich auf das
Sezieren menschlicher Leichname gründeten. Der größte Teil seiner Arbeiten ging
im Lauf der Jahrhunderte verloren, und zu seiner Zeit fanden sie leider kaum
Beachtung.
Der belgische Anatom Andreas Vesalius veröffentlichte 1543 sein Werk De
Humani Corporis Fabrica (Über den Aufbau des menschlichen Körpers), das zu
einem Meilenstein der Medizingeschichte werden sollte. Der außergewöhnlich
aufmerksame Beobachter wies darin auf Hunderte von anatomischen Fehlern Galens
hin. Sein Zeitgenosse Gabriel Fallopius, der die Eileiter und das Trommelfell
entdeckte, diagnostizierte Ohrerkrankungen mit dem Ohrenspiegel und beschrieb
sehr genau die Augenmuskeln, die Tränengänge und die Eileiter. Galen wurde auch
von dem spanischen Arzt Michael Servetus widerlegt, der als erster den
Lungenkreislauf richtig beschrieb und erklärte, die Körperwärme werde durch die
Verdauung aufrechterhalten.
Der Schweizer Arzt und Alchemist Philippus Aureolus Paracelsus, der die Lehre
von den Arzneistoffen begründete, brach während seines stürmischen Berufslebens
mit der Tradition: Er verbrannte die klassischen medizinischen Schriften, hielt
Vorlesungen auf deutsch und entdeckte neue chemische Heilmittel. Der
französische Chirurg Ambroise Paré erleichterte die Amputation von Gliedmaßen,
weil er die Blutung nicht mehr durch Ausbrennen stillte, sondern mit Hilfe von
Klemmen und Nähten. Girolamo Fracastoro, italienischer Arzt und Dichter, der
manchmal auch als Vater der wissenschaftlichen Epidemiologie bezeichnet wird,
erkannte Unterschiede bei fiebrigen Erkrankungen und entdeckte den Typhus. Der
Name Syphilis für eine ansteckende Geschlechtskrankheit, die damals in Europa
um sich griff, entstammt seinem berühmten Gedicht Syphilis sive Morbus
Gallicus (Syphilis oder die Krankheit der Gallier, 1530). Seine Theorie,
wonach ansteckende Krankheiten durch unsichtbare, vermehrungsfähige Keime
übertragen werden, war ein Vorläufer der heutigen bakteriologischen
Vorstellungen.
6. DIE ANFÄNGE DER MODERNEN MEDIZIN
Die Medizin des 17. Jahrhunderts war von einem Ereignis geprägt, das den
Anfang einer neuen Epoche kennzeichnete: der englische Arzt und Anatom William
Harvey entdeckte den Blutkreislauf. Schon 1553 hatte Michael Servetus
beschrieben, wie das Blut durch die Lunge fließt. Harvey erläuterte in seinem Essay
on the Motion of the Heart and the Blood (Aufsatz über die Bewegung des
Herzens und des Blutes, 1628), dass das Herz als Pumpe für einen
ununterbrochenen Blutkreislauf sorgt. Der italienische Anatom Marcello Malpighi
erweiterte Harveys Erkenntnisse, indem er die Kapillaren entdeckte, und Gasparo
Aselli, ein weiterer italienischer Anatom, gab die erste zutreffende
Beschreibung des Lymphsystems. In England erforschte der Arzt Thomas Willis die
anatomischen Verhältnisse von Gehirn und Nervensystem; er erkannte auch als
erster die Zuckerkrankheit (Diabetes mellitus) und eine Reihe von Nervenleiden.
Der englische Arzt Francis Glisson legte die Grundlagen für die heutigen
anatomischen Kenntnisse über die Leber, beschrieb die Rachitis und bewies als
erster, dass sich Muskeln bei jeder Bewegung zusammenziehen.
Richard Lower, ein weiterer englischer Arzt, sammelte grundlegende Erkenntnisse über die Anatomie des Herzens, wies die Wechselwirkungen zwischen Luft und Blut nach und nahm als einer der ersten erfolgreich Bluttransfusionen vor. Ergänzt wurden seine Arbeiten durch die anderer Mitglieder der so genannten Oxforder Gruppe, insbesondere durch die Physiologen Robert Boyle und Robert Hooke, die bahnbrechende Arbeiten über die Physiologie der Atmung leisteten.
Von dem französischen Mathematiker und Philosophen René Descartes, der auch anatomische Sektionen vornahm und die Anatomie des Auges sowie den Sehvorgang erforschte, stammt die Behauptung, der Körper funktioniere wie eine Maschine. Diese Ansicht wurde von den Iatrophysikern übernommen; die Iatrochemiker dagegen betrachteten das Leben als Abfolge chemischer Vorgänge. Die wichtigsten Vertreter der erstgenannten Schule waren der italienische Arzt Sanctorius, der den Stoffwechsel untersuchte, und der italienische Mathematiker und Physiker Giovanni Alfonso Borelli, der auf dem Gebiet der Physiologie arbeitete. Die iatrochemische Schule wurde von Jan Baptista van Helmont gegründet, einem flämischen Arzt und Chemiker. Fortgesetzt wurden seine Arbeiten von dem preußischen Anatomen Franciscus Sylvius, der die chemischen Vorgänge bei der Verdauung untersuchte und das Schwergewicht auf die medikamentöse Behandlung von Krankheiten legte.
Der Engländer Thomas Sydenham, der auch als englischer Hippokrates bezeichnet wurde, und später der niederländische Arzt Hermann Boerhaave kümmerten sich vor allem um die medizinische Praxis und legten wieder mehr Gewicht auf die ärztliche Ausbildung am Krankenbett. Sydenham stellte umfangreiche Untersuchungen über Malaria und das Auftreten von Epidemien an; außerdem erkannte er den Unterschied zwischen Scharlach und Masern. 1632 wurde ein Medikament eingeführt, das später unter dem Namen Chinin bekannt wurde und aus der Rinde des Chinabaumes gewonnen wird – ein weiterer therapeutischer Fortschritt.
6.1. Neue Erkenntnisse
Nach den Entdeckungen des Astronomen Nikolaus Kopernikus, des Italieners
Galilei und des englischen Mathematikers Isaac Newton bemühte man sich im
18. Jahrhundert auch in der Medizin um mehr wissenschaftliche Forschung.
Dennoch erregten seltsame, unbewiesene Theorien nach wie vor Aufmerksamkeit.
Nach Ansicht des deutschen Arztes und Chemikers Georg Ernst Stahl war die Seele
das Lebensprinzip, das die organische Entwicklung lenkt. Friedrich Hoffmann,
ebenfalls ein deutscher Arzt, hielt den Körper dagegen für eine Maschine und
das Leben für einen mechanischen Vorgang. Diese gegensätzlichen Theorien des Vitalismus
und der Mechanistik beeinflussten die Medizin des 18. Jahrhunderts stark.
Der britische Arzt William Cullen führte Krankheit auf zu viel oder zu wenig
Nervenenergie zurück. Und der Arzt John Brown aus Edinburgh lehrte, Krankheit
entstehe durch Schwäche oder ungenügende Anregung des Organismus. Nach seiner
Theorie ließ sich die Anregung durch Behandlung mit Reizstoffen und großen
Medikamentendosen verstärken. Ende des 18. Jahrhunderts entwickelte der
deutsche Arzt Samuel Hahnemann die Homöopathie, die im Gegensatz zu Browns
System sehr geringe Dosierungen vorsieht. Noch andere unorthodoxe Theorien
wurden Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts formuliert: Die
deutschen Ärzte Johann Kaspar Spurzheim und Franz Joseph Gall begründeten z. B.
die Phrenologie: Danach brauchte man nur den Schädel eines Menschen zu
vermessen, um Aufschlüsse über seine geistigen Eigenschaften zu gewinnen. Und
der Österreicher Franz Mesmer entwickelte eine Theorie des animalischen
Magnetismus; er glaubte an eine magnetische Kraft, die sich angeblich stark auf
den menschlichen Organismus auswirkte.
6.2. Das späte 18. Jahrhundert
Zu den wichtigen Medizinern des 18. Jahrhunderts gehörte auch der Brite
William Smellie, der Neuerungen in die Geburtshilfe einführte. Ebenso bedeutsam
war der britische Anatom und Geburtshelfer William Hunter, ein Bruder des
britischen Anatomen und Chirurgen John Hunter. William Hunter, der gemeinsam
mit Smellie studiert hatte, gab der anatomischen Forschung in England neue
Impulse und setzte Smellies Bemühungen fort, die Geburtshilfe zu einem
eigenständigen Fachgebiet der Medizin zu machen.
Darüber hinaus gab es zu jener Zeit weitere wichtige Fortschritte: Die Disziplin der Pathologie etablierte sich durch die Arbeiten des italienischen Anatomen und Pathologen Giovanni Battista Morgagni. Der italienische Naturforscher und Biologe Spallanzani beschäftigte sich mit Physiologie und widerlegte die Theorie von der Spontanzeugung. Die Physiologie der Nerven und Muskeln erforschte der Schweizer Wissenschaftler Albrecht von Haller. Mit dem Blutdruck befasste sich der britische Botaniker, Chemiker und Physiologe Stephen Heles. In der Botanik leistete der schwedische Botaniker und Systematiker Carolus Linnaeus (Linné) Hervorragendes: Er entwickelte die moderne binominale Nomenklatur der Biologie (siehe Klassifikation); der britische Arzt, Botaniker und Mineraloge William Withering schließlich verwendete erstmals Digitalis als Medikament.
John Hunter machte in der Chirurgie große Fortschritte; der britische Arzt James Lind beschäftigte sich mit der Vitamin-C-Mangelkrankheit Skorbut und verschrieb den Patienten Zitronensaft. Der britische Sozialreformer John Howard sorgte in ganz Europa für eine humanere Behandlung von Krankenhauspatienten und Gefängnisinsassen. 1796 entdeckte der britische Arzt Edward Jenner das Prinzip der Impfung als Vorbeugungsmaßnahme gegen Pocken. Seine Erkenntnisse ermöglichten die Eindämmung dieser gefürchteten Krankheit und bildeten die Grundlage für die Wissenschaft von der Immunisierung.
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